Ottmanngut | Gedanken im Juni

Martin Kirchlechner

26. Juni

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Gedanken im Juni

Oft werden wir gefragt, wie es denn zu unserem Konzept kam, was wir uns dazu überlegt haben und wer dafür verantwortlich ist. Die Antwort auf diese Fragen ist: Es gab keinen Moment in dem wir uns hinsetzen mussten, um ein Grundkonzept für unser „Projekt“ zu erfinden und dieses niederzuschreiben. Alles war eigentlich recht einfach...

Nachdem unsere liebe Großmutter mit 82 Jahren den wohlverdienten Ruhestand antreten konnte und das Haus, um es weiter zu führen, doch ein wenig Renovierung nötig hatte, war schnell klar, was mit dieser betrieblich genutzten Gebäudehälfte passieren soll. Unser Familienhaus sollte sich auch in Zukunft selbst tragen und dafür weiterhin Gästen aus aller Welt ein Heim auf Zeit bieten, möglichst echt und unserer Familie entsprechend. 

Wir hatten das Glück, in den Zimmern die alten Dielenböden unter den Linoleumböden zu finden, konnten vielen Familienerbstücken einen schönen Platz geben, die wunderschönen alten Lampen neu inszenieren und gleichzeitig den Komfort von heute in das Haus bringen. Die Renovierung war eine Mischung aus beinah archäologischem Freilegen, Bewahren und Modernisieren. Ein altes bürgerliches Meraner Landhaus sollte von seinem Winterschlaf in den Frühling gebracht werden. 

Die Ausrichtung stand also von Anfang an fest: Wir wollen unser Familienhaus erhalten, wiederbeleben und für uns und die kommenden Generationen in die Zukunft führen. 

Dieser Grundgedanke hat in diesem Juni eine noch tiefere Bedeutung bekommen. Auch wenn sich die Auseinandersetzung mit dem Haus einstweilen auf ein Schläfchen im Kinderwagen im Wohnzimmer oder im Garten beschränkt, so darf Theodor das Ottmanngut eben doch sein zu Hause nennen. Am 5. Juni hat der kleine Mann das Licht der Welt erblickt und Katharina, mich und die ganze Familie damit überglücklich gemacht. 

Die ersten beiden Wochen waren seit Langem eine Zeit, in der ich kaum an das Ottmanngut im betrieblichen Sinne gedacht habe (dank unseres wunderbaren Teams konnte ich mich ganz dem neugewonnen Familienleben widmen). Im familiären Sinn fielen dem Ottmanngut aber sehr wohl einige Gedanken zu. Dieses Haus als Zentrum der Familie wurde nochmal bestärkt, der Sinn nochmal klarer. Es kamen plötzlich ganz neue Gedanken zu Familie, Tradition, Beständigkeit, aber auch Verpflichtung, Wandel und Freiheit auf.

Mein lieber Freund Fabio vom Follonico in der Toskana, hat mir einmal vor der Geburt von Theodor gesagt:„Vedrai, cambia prospettiva.“ (Du wirst sehen, es ändert die Perspektive.).  In den Wochen vor der Geburt musste ich immer wieder an den Satz von Fabio denken. Ich war gespannt darauf, wie genau sich das anfühlen wird. Es kann auch sein, dass der Schlafmangel das Bild ein wenig verschwimmen lässt, aber im Grunde hatte er recht - der Blick auf so manche Dinge ändert sich, oder wird bestärkt. Alles Lebenserhaltende, Nachhaltige, die Umwelt-schützende, Bewahrende wird wichtiger und richtiger denn je. Und ja, das Ottmanngut kann  weiterhin Zentrum der Familie bleiben, wenn sich die nun 7. Generation denn dafür entscheidet, aber dafür ist es noch viel zu früh. Erstmal müssen dem kleinen Nachkommen noch die Windeln gewechselt werden. 

Herzliche Grüße aus dem Ottmanngut,

Martin Kirchlechner